Umarme Deinen Schatten

Aktualisiert: Juni 1

Ich ärgere mich

Es war wieder so ein Tag, an dem mein Verstand auf der Arbeit beim Programmieren auf Hochtouren lief. Ein fieser Fehler hatte sich in meinen Code eingeschlichen. Diesen zu finden und schliesslich auch zu beheben hat mich nicht nur die gesamte Arbeitszeit, sondern auch noch einige Nerven gekostet. Und dann noch dieser Geräuschpegel im Büro. Immer ist jemand am Plaudern, die Türe knallt zu oder jemand stösst gegen den Abfalleimer. Es mag unabsichtlich sein, doch es wird konstant und konsequent Lärm erzeugt. Es gibt auch Menschen, die können nicht in einer normalen Lautstärke telefonieren, sondern brüllen derart ins Telefon, dass der Gesprächspartner sie vermutlich noch ohne Telefon hören könnte. Wenn ich den Kopfhörer aufsetze und mir etwas beruhigende Musik anhöre, hilft das zumindest ein bisschen. Schliesslich möchte ich mich nur in aller Ruhe konzentrieren, um den Fehler in meinem Code zu finden. Das Programmieren macht mir Spass, aber es verlangt meinem Verstand alles ab.


Schlussendlich habe ich dann mein Tagesziel doch noch erreicht, den Fehler zu finden und zu beheben. Einigermassen zufrieden, doch etwas geschreddert, verabschiede ich mich in den Feierabend und trete den Heimweg an. Immerhin habe ich Ruhe während der Heimfahrt im Auto. Zu Hause angekommen werde ich bereits vom nächsten Lärm empfangen. Noch bevor ich die Wohnungstür öffne, höre ich schon, wie sich die Kinder in den Haaren liegen. Als ich eintrete, weint die eine Tochter und die andere ist stinksauer. Ruhig Blut. Ich begrüsse meine Frau und Kinder und gehe erst einmal duschen. Als ich fertig bin und meine Freizeitkleidung angezogen habe, setze ich mich an den Computer, um noch etwas zu schreiben, was ich mir vorgenommen habe. Auch hier muss ich mich nochmal konzentrieren, wie ich meine Formulierungen wählen soll. Mein armer Verstand hat schön viel zu tun an diesem Tag. Und wieder lärmten die Kinder und es störte mich dermassen, dass ich auch laut wurde und meinem Unmut Ausdruck verlieh. Die Stimmung war dann im Eimer und ich fühlte mich schlecht.


Wenn mich jemand darauf aufmerksam gemacht hätte, wie ich da reagiert hatte, dann hätte ich erwidert, dass es ja an der Situation gelegen hätte und ich ja nichts dafürkönne, wenn mich jemand so auf die Palme treibt. Und genau da liegt eben der Überlegungsfehler, den anzuerkennen viele Menschen sich schwertun. Denn alles worüber ich mich ärgere, hat letztendlich mit mir selbst zu tun. Wie die Weisheit der Sprache es schon sagt: «Ich ärgere mich.» Oder auch: «Ich rege mich auf.» Jemand anderes kann das nicht für Dich tun. Menschen können zwar agieren und Situationen können entstehen, die Bewertung ihnen gegenüber hast jedoch einzig Du selbst in der Hand.


Schattenarbeit

So lade ich Dich ein, Dich zu fragen: Welche Menschen und Situationen bringen Dich so richtig auf die Palme? Worüber ärgerst Du Dich? Was ekelt Dich an? Und auf der anderen Seite des Spektrums kannst Du Dir überlegen: Welche Menschen bewunderst Du ganz besonders? Was können oder verkörpern diese Menschen, was Du nicht kannst oder nicht hast? Und ja, Du ahnst es schon, auch das hat etwas mit Dir zu tun. Es sind die Schatten. Es sind jene Teile Deiner Persönlichkeit, die Du verleugnest, nicht anerkennen, nicht wahrhaben willst und somit ausschliesst. Die negativen Schatten widern Dich an, so dass Du diese nicht als Teil Deiner selbst anerkennen willst. Dies können beispielsweise Eigenschaften wie Gier, Arroganz oder Hinterhältigkeit sein. Die positiven Schatten siehst Du als übermächtig, unerreichbar und zu gut, als dass Du sie Dir selbst zusprechen würdest. Vielleicht bewunderst Du Menschen, die frei vor Publikum sprechen können, die viel lesen oder sehr produktiv sind. Dabei kannst Du leicht übersehen, dass es als Potenzial in Dir drin ist oder sich bereits in der Entfaltung befindet.

Mein Schatten war der Lärm, insbesondere das lauthals Sprechen und Schreien. Die grösste Herausforderung für mich im Leben war es, unter schreienden Kindern in meiner Mitte zu bleiben, weil mich das so getriggert hat. Wenn Du Deinen Schatten erkannt hast, kannst Du Dich entscheiden, ob Du ihn annehmen oder weiterhin verurteilen willst. Sei Dir aber bewusst, dass die Abwehr und das Verteidigen gegen diesen inneren Anteil eine erhebliche Menge Deiner psychologischen Energie erfordert, die Du ansonsten auch anderweitig nutzen könntest. Ich beschloss für mich, es anzunehmen und gestand mir ein, dass eben auch ich schon manchmal laut geworden bin.


Als mir das klar wurde, habe ich mich gefragt, ob ich in dem Lärm und dem lauten Geschrei auch etwas Positives entdecken könnte. Denn überall ist auch etwas Positives drin, wenn man nur bereit ist, es zu sehen. Es ist das Gold im Schatten, die Perle im Misthaufen. Und für mich stellte sich heraus, dass die Qualität darin besteht, dass man sich traut, sich eine Stimme zu geben, sich Gehör zu verschaffen, Aufmerksamkeit zu erregen und für sich einzustehen. Das war etwas, was ich in meiner Vergangenheit klar vernachlässigt hatte, weil ich diesen Schatten so verurteilte und nicht annehmen wollte. Versuche Dir also auch bewusst zu werden, was denn das Positive darin sein könnte, über das Du Dich so sehr ärgerst. Das wird Dich zu Beginn Überwindung kosten, doch es lohnt sich, dranzubleiben, bis Du das Gold gefunden hast.


Die drei Schritte der Schattenarbeit

Zusammengefasst sind das also drei konkrete Schritte:


1. Erkenne Deinen Schatten

2. Anerkenne den Schatten als Teil von Dir

3. Integriere das Gold im Schatten


Wenn Du Dich also wieder mal über jemanden oder etwas ärgerst, dann gehe in Dich hinein und fühle, was es mit Dir selbst zu tun haben könnte. Übe Dich darin, innezuhalten und nicht im Affekt zu reagieren. Lass etwas Zeit verstreichen, bevor Du handelst. Mache Dir bewusst, ob Du nicht doch manchmal auch so bist. Und schliesslich kannst Du Dich dann auf die Suche nach dem Gold im Schatten machen. Was ist die Qualität, die dem innewohnt, was Dich auf die Palme treibt? Wenn Du diese Arbeit machst, wirst Du vom Schein, den Du nach aussen abgibst, immer mehr zu Deinem wahren Sein.


Wie im Licht alle Farben enthalten sind, ist auch in uns das ganze Spektrum der Persönlichkeit enthalten. Von gut bis böse, von nett bis gemein, von fröhlich bis traurig, von geliebt bis gehasst ist alles zu einem gewissen Teil in uns drin. Es gibt keinen Menschen, der absolut gut oder absolut böse ist. Denn in unserem Selbst, unserem wahren Sein sind auch wir Licht, sind wir reine Energie. Und somit ist alles als Potenzial in uns.


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