Geduld bringt Rosen

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Meine Ungeduld

Bei Bewerbungsgesprächen fühlte ich mich nie so richtig wohl. Es kam mir immer unnatürlich vor. Ich habe mich auf die Gespräche immer gründlich vorbereitet. Mit der Zeit wusste ich dann, welche Fragen immer wieder auftauchen würden. Unter den immer wiederkehrenden Fragen waren natürlich die nach den eigenen Stärken und Schwächen. Bei den Schwächen fiel mir die Antwort meistens leichter als bei den Stärken. Meine Ungeduld habe ich dabei immer wieder genannt. Als ich diese Antwort gab, rutschte es einem Personalverantwortlichen während des Bewerbungsgespräches raus: «Das ist das, was alle sagen». Das klingt für mich plausibel. Wenn immer mir jemand seine Schwächen offenbart, ist Ungeduld mit sich selbst oft ganz weit oben.

Ich habe in der Vergangenheit einige zum Teil halbherzige Versuche unternommen, mich selbständig zu machen. Es sollten zügig Resultate in finanzieller Form herausschauen, damit ich sehen konnte, dass mein Aufwand sich auch lohnt. Geklappt hat das natürlich nicht. Ich wusste auch nicht so recht, was ich denn genau machen will. Orientiert habe ich mich zunächst immer an dem, was ich schon konnte. Dann überlegte ich, wie ich das selbständig zu Geld machen könnte. Als ich dann die Coaching Ausbildung machte, wurde mir schnell klar: Das ist mein Ding. Das ist meine Bestimmung. Das ist das, wofür ich hier bin. Plötzlich war der Fokus ganz ein anderer. Nicht mehr das Geld stand im Vordergrund, sondern die Sache. Auf diesem Weg kann ich den Menschen das Meiste und das Wertvollste von mir geben.


Geduld lernen

Das ist eine gute Ausgangslage, doch Geduld habe ich dadurch noch nicht gelernt. Es war eher so, dass ich nun noch schneller vorwärts machen wollte. Bei meinem ersten Workshop hat mein Mentor mich dann erst mal wieder etwas auf den Boden geholt. Als Erstes stand auf dem Whiteboard: «Geduld». Philipp darf Geduld lernen. Es gibt keinen Weg darum herum, also gehen wir es an. In den Wochen und Monaten nach dem Workshop habe ich mich immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Ähnlich wie bei der Liebe und der Selbstliebe ist es auch bei der Geduld so, dass wenn man mit sich selbst Ungeduldig ist, einem auch die Geduld mit anderen schwerfällt. Wenn wir lernen, geduldig mit uns selbst zu sein, werden wir auch für andere mehr Geduld aufbringen können.


Um herauszufinden, was es bei mir mit der Ungeduld auf sich hat, habe ich mir Gedanken gemacht, mir Fragen gestellt und auch einige meiner Meditationen diesem Thema gewidmet. Eine Frage, die bei mir in dem Zusammenhang aufgetaucht ist, war: «Meine ich es wirklich ernst?» Meine Ungeduld könnte Ausdruck davon sein, dass ich nicht mit meinem Herzen hinter der Sache stehe. Glaube ich wirklich aus innerster Überzeugung daran, dass es funktionieren kann? Wenn ich nicht voller Überzeugung und Urvertrauen bin, dass es funktionieren wird, dann wird es auch nicht funktionieren. Die Ungeduld ist dann lediglich ein rationaler Vorwand für das, was unbewusst bereits entschieden ist. Das heisst umgekehrt nicht, dass nicht auch mal Zweifel aufkommen dürfen. Es kommt aber darauf an, ob der Grundtenor in der Überzeugung und im Urvertrauen liegt und die Zweifel nur punktuell auftauchen oder ob es eben umgekehrt ist. Auch eine verzweifelte, unbegründete Hoffnung, dass es einfach funktionieren muss, ist nicht hilfreich. Wenn Zweifel und Verzweiflung die Grundgefühle sind, werde ich nicht die Geduld und das Durchhaltevermögen aufbringen können, die notwendig sind. Ich fokussiere mich dann auf den Mangel und erwarte schnelle Resultate. Wenn die dann ausbleiben, gebe ich auf.

Wenn ich grosse Geduld aufbringe und im Moment so überzeugt bin, meinem Herzen zu folgen, garantiert mir das den Erfolg? Ja und nein. Es bedeutet nicht, dass alles genauso herauskommt, wie ich es mir vorgestellt habe. Dann habe ich vom Leben die Aufgabe bekommen, mit dieser veränderten Situation umzugehen und diese akzeptieren zu lernen. Das kann eine harte Lektion sein, das weiss ich aus eigener Erfahrung. Nach meiner Lehre wollte ich Musik und später Informatik studieren. Beides lief nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Das Musikstudium durfte ich gar nicht erst antreten, und beim Informatikstudium fiel ich beim ersten Vordiplom durch. Das empfand ich als ein grosses Versagen meinerseits. Diese Niederlagen zu verkraften, fiel mir nicht immer leicht. Es kam mir nicht in den Sinn, dass es eben nicht das Richtige für mich war. Ich wollte das gar nicht hören. Mein Fokus lag einzig darauf, dass ich gescheitert bin. Das hat mit der Zeit dazu geführt, dass mein Selbstvertrauen und mein Urvertrauen immer mehr verloren gingen. Dass ich mir mittel- und langfristig mit diesem Denken keinen Gefallen getan habe, kannst Du Dir sicher leicht vorstellen. Denn dadurch wurde meine Ungeduld nur noch grösser. Wenn etwas nicht wunschgemäss lief, gab ich schnell wieder auf.


Drei konkrete Tipps für mehr Geduld

Wie geduldig bist Du mit Dir selbst und mit anderen? Wenn Du ungeduldig bist, kannst Du Dir die wesentlichen Fragen dazu stellen. Wie bei all Deinen «Macken» kannst Du Dich fragen, was der Nutzen Deiner Ungeduld ist und was Du damit vermeiden kannst. Vielleicht geht es um Deine Selbstoffenbarung, dass Du allen zeigen möchtest, wie hoch Du Deine Ziele steckst. Erhältst Du Trost und Mitgefühl von anderen, wenn Du Deine Ziele nicht oder nicht so schnell erreichst, wie Du es Dir vorgenommen hast? Lass mich Dir hierzu drei konkrete Tipps geben.


Tipp 1: Sieh das Gute in dem, was nicht geklappt hat

Das klingt jetzt auf den ersten Blick etwas platt, nach dem Motto: «Sieh’s doch mal positiv!» Es ist aber so, dass viele Menschen hauptsächlich mit einem negativen Gedankenfokus durchs Leben gehen. Mir ging es früher genauso. Und die Gedanken, die wir immer wieder denken, formen die Autobahnen in unserem Gehirn und bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Es gibt in jeder Situation etwas Gutes zu finden, wenn man es denn sehen will. Es gibt sogar todkranke Menschen, die ihrer Krankheit etwas Gutes abgewinnen können. Das ist dann sicher die «Champions League» in dem Bereich. Die Meisten von uns haben aber zum Glück nicht so ein schweres Schicksal zu tragen. Also versuche es, wenn Du im Alltag an Situationen heranläufst, die vordergründig so gar nichts Positives haben. Gehe in Dich und setze Dich mit der Situation auseinander. Suche in Deinen Gedanken und Gefühlen das Positive in der Situation, bis Du es gefunden hast.

Bei Deiner Ungeduld kannst Du ähnlich vorgehen. Mache Dir eine Liste den Vorteilen, die Du mit Deiner Ungeduld erhältst. Erhältst Du dadurch Trost, Mitgefühl, Unterstützung oder Zärtlichkeit? Dann mache Dir eine Liste mit Menschen, Situationen oder Dingen, denen Du dank Deiner Ungeduld aus dem Weg gehen kannst. Womit musst Du Dich dank Deiner Ungeduld nicht auseinandersetzen? Kommt Dir das gelegen? Versuche dann herauszufinden, welche Bedürfnisse dahinterstecken und wie Du diese vielleicht konstruktiver erfüllen kannst. Diese Selbstreflexion ist nicht einfach. Hier darfst Du gerne Unterstützung in Anspruch nehmen. Eine Aussensicht eröffnet Dir plötzlich neue Perspektiven.


Tipp 2: Gehe vom Mangel in die Fülle

Ungeduld kann auch eine Ausdrucksform von Zeitmangel sein. Ähnlich wie bei allgemein negativen Gedanken definiert speziell das Mangeldenken die Art wie wir die Welt sehen. Wenn man sich gedanklich in so einem Zwang befindet, kommen Gefühle auf wie Wut oder Angst. Wenn wir also hier den Fokus auf den Mangel legen, dann werden wir davon nur noch mehr anziehen. Natürlich hat der Tag nicht plötzlich mehr als 24 Stunden, wenn man sich gedanklich auf die Fülle fokussiert. Du wirst in dieser Haltung aber feststellen, dass es unzählige kleinere und grössere Zeitfresser gibt, auf die Du gut verzichten kannst. Damit wirst Du gelassener und geduldiger. Du wirst immer mehr feststellen, dass doch mehr Zeit vorhanden ist, als Du immer dachtest. Denn nur schon durch weniger Denken an den Mangel hast Du Zeit gewonnen.


Tipp 3: Nimm Dir Zeit für Dich

Es ist mir klar, dass es leicht gesagt ist, man solle sich Zeit für sich selbst nehmen. Eine alleinerziehende Mutter, die Vollzeit arbeitet, hat dafür zunächst vermutlich nur ein müdes Lächeln übrig. Doch es ist enorm wichtig, dass man sich diese Zeit nimmt. Je nach Lebenssituation braucht es etwas mehr Kreativität oder Organisationsgeschick, doch die Mühe lohnt sich allemal. Diese Zeit kannst Du nutzen, um zu meditieren, um dir ein Bad zu gönnen, um einen Waldspaziergang zu machen oder Dich massieren zu lassen. Wichtig ist, dass Du etwas machst, was Dich beruhigt und mit Dir selbst verbindet. Darum sind dabei Handy, Computer oder Fernseher eher unangebracht. Du musst auch nicht Stunden dafür einplanen jeden Tag. Wenn Du nur schon 15–20 Minuten am Tag so eine Beruhigungspause einbauen kannst, hast Du schon sehr viel gewonnen. Auch dadurch wirst Du entspannter und mit der Zeit geduldiger mit Dir selbst sowie allem um Dich herum. Das geht nicht von heute auf morgen, doch es lohnt sich, dran zu bleiben.


Als Kind durfte ich in den Klavierunterricht und meine Klavierlehrerin hat immer gesagt «Geduld bringt Rosen». Ich denke, sie hatte recht.

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