Auf der Rennstrecke

Aktualisiert: Sept 24

Der Mangel an Zeit

Viel zu früh am Morgen klingelt mein Wecker und reisst mich aus dem Schlaf. Die Melodie «Ice Cream» pfeift heiter aus meinem Handy raus. Dabei ist mir gar nicht nach fröhlichem Gezwitscher, ich würde lieber weiterschlafen. Aber ich muss ja aufstehen, also schnell duschen und das Frühstück in mich hineinstopfen. Kein Brot mehr da, dann muss halt was anderes her. Eine kleine Schüssel voll Haferflocken muss reichen. Noch kurz die Zähne putzen und dann muss ich mich schon auf den Weg zur Arbeit machen. Auf dem Weg zur Arbeit halten mich natürlich noch rote Ampeln, Baustellen und unzählige andere Verkehrsteilnehmer auf. Gerade nach der Corona-Krise mit permanentem Home Office und leeren Strassen erschliesst sich mir der Sinn nicht mehr, zur Arbeit hinzufahren.


Endlich im Büro angekommen begrüssen mich erstmal Aufgaben und Mails vom Vortag, die ich nicht mehr erledigen konnte. Ich weiss jetzt schon, dass ich auch heute nicht durchkommen werde, da es zusätzlich zum gestrigen Stapel auch heute wieder neue Aufträge zu erledigen geben wird. Das flaue Gefühl im Magen, das sich schon kurz nach dem Aufstehen bei mir bemerkbar machte, entwickelt sich zu regelrechten Bauchkrämpfen. Wenigstens habe ich keine Kopfschmerzen, aber ich fühle eine innere Schwere.


Ich fühle den Mangel. Ich fühle den Mangel an Zeit. Denn mein Arbeitgeber erwartet, dass heute alles noch schneller und optimierter laufen muss als gestern. Und morgen muss es dann nochmal schneller gehen. Der äussere Druck bringt mich dazu, die Erwartungen zu erfüllen und doch weiss ich, dass es nicht endlos so weitergehen kann. Das entfacht in mir einen heftigen inneren Konflikt.


Die optimierte Ich AG

Wenn Dir das bekannt vorkommt, dann bist Du damit nicht allein. Die Gesellschaft und vor allem die gegenwärtige Wirtschaft mit ihrem Wachstumszwang verlangt ständig ein höheres Tempo. In der Arbeitswelt bekommt man das ganz besonders deutlich zu spüren. Alles muss schneller, besser und profitabler werden. Als Mensch kann man sich in so einer Organisation hilflos und ausgeliefert fühlen. Man hat das Gefühl, keine Pausen mehr machen zu können und keine Schwäche zeigen zu dürfen.


Nicht nur die Firmen müssen sich gegeneinander behaupten, sondern auch die Mitarbeiter sind diesem Konkurrenzdruck ausgesetzt, selbst innerhalb des gleichen Unternehmens. Als Mitarbeiter wird man zur isolierten Ich AG, die nichts anderes zu tun hat, als seine Effizienz zu steigern und seine Fremdverwertbarkeit zu optimieren. Es bleibt kaum noch Raum für Menschlichkeit. Einzig sich stetig verbessernde kognitive Leistungen, die den Profit erhöhen oder die Kosten senken, werden durch extrinsische Stimuli honoriert.


Ich selbst habe immer in Backoffice Bereichen gearbeitet. Im Jahr 2008 war ich in der Finanzindustrie tätig, als die grosse Finanzkrise losbrach. Wo zuvor das Geld noch leichter verdient wurde, gab es nun immer deutlichere und härtere Massnahmen zur Kostensenkung. In der IT wurden Abgänge nicht nachbesetzt, Stellen ausgelagert oder gar gekündigt. Gleichzeitig war der Druck für mich im Backoffice da, den Betrieb trotz mangelnder Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Und auch in meiner Abteilung wurden Vakanzen nicht mehr besetzt und Kündigungen ausgesprochen. Gleichzeitig stieg das Arbeitsvolumen, und es kamen auch immer neue Aufgaben hinzu. Dieser Prozess zog sich über mehrere Jahre hin und ich fühlte mich in dieser Situation immer hilfloser, ausgeliefert und komplett fremdbestimmt. Vor allem aber ging mir alles viel zu schnell und ich sehnte mich nach Ruhe, nach absoluter Stille.


Auf der Überholspur

Wir sind mehr als nur Körper, Hirn und Organe. Der Körper, der Geist, die Gefühle und die Seele sind miteinander verbunden. Ich kenne diese belastenden Gefühle, diese dunklen Gedanken. Ich bekam körperliche Beschwerden, die mir sagten, dass etwas nicht stimmte. Die Symptome zeigten mir auf, dass ich etwas in meinem Leben ändern muss. Es war eine Warnung davor, dass die stetig steigende Geschwindigkeit zu einem Unfall führen könnte. In so einer Situation hilft es mir, mich frei von allen äusseren Zwängen nur auf das Tempo zu fokussieren und mich selbst zu fragen: «Schade ich mir mit dieser endlosen Beschleunigung?»



Die Autorennstrecke ist hierfür ein sehr passendes Sinnbild. Hier zählt nur die Geschwindigkeit. Der Zweite ist der erste Verlierer, wie es gerne heisst. Doch die Rennstrecke besteht in den meisten Fällen nicht nur aus einer Geraden. Es gibt enge und langgezogene Kurven, Spitzkehren und Schikanen. Was passiert wohl, wenn der Pilot im Rennwagen versucht, den Kurs mit Vollgas abzufahren? Genau, er fliegt zwangsläufig aus der Kurve. Im besten Fall entsteht nur Blechschaden. Das könnte man mit körperlichen Beschwerden vergleichen. Ist der Unfall heftiger, kann auch das Innere des Rennwagens, also der Rennfahrer verletzt werden. Auch unsere Innenwelt, unsere Gefühle und unsere Seele können so verletzt werden.


Was kann ich tun?

Wir tun uns langfristig keinen Gefallen, wenn wir es zwar wissen, dass wir zu schnell und hektisch unterwegs sind, aber nichts dagegen tun. Früher oder später geraten wir aus der Kurve, auch wenn wir uns für noch so begnadete Rennfahrer halten. Gehe Deine letzte Woche nochmal in Gedanken durch. An welchem Punkt hattest Du die höchste gefühlte Geschwindigkeit und wie hat sich das angefühlt? Und in welcher Situation warst du am langsamsten unterwegs? Was machte das mit Dir?


Pausen zu machen ist wichtig und keine verlorene Zeit. Unsere Gedanken können uns regelrecht herumhetzen, vor allem wenn wir uns um vieles Sorgen machen und uns für alles verantwortlich fühlen. Wenn wir pausenlos mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs sind, ist der Unfall vorprogrammiert. Bei diesem Tempo jagt ein Gedanke den nächsten und wir nehmen vom Aufstehen bis zum Schlafengehen kaum mehr etwas wahr ausser unseren Gedanken. Wir identifizieren uns dann nur zu leicht mit unseren Gedanken. Doch wir sind nicht unsere Gedanken. Wir sind vielmehr das Bewusstsein, in dem Gedanken kommen und wieder gehen, wie die Wolken am Himmel.


Meditiere

Eine gute Möglichkeit, die Geschwindigkeit zu reduzieren ist regelmässige Meditation. Wähle dabei die Meditationsform, die Dir am besten entspricht. Natürlich kannst Du auch verschiedene ausprobieren. Ich selbst mache jeden Tag eine Samatha-Meditation. Dabei setze ich mich im Schneidersitz in mein Zimmer und mache es mir richtig gemütlich. Diese aufrechte Haltung wähle ich, damit ich nicht während der Meditation einschlafe. Ich setze den Timer, schliesse meine Augen und versuche mich vollständig auf meinen Atem zu konzentrieren. Wenn immer mich meine Gedanken forttragen, nehme ich das liebevoll wahr und lenke meinen Fokus wieder auf meinen Atem. Damit bin ich im Hier und Jetzt.



Wenn Du noch etwas vor der Meditation zurückscheust, dann beginne mit nur 5 Minuten täglich. Sobald Dir die Zeit zu kurz scheint, kannst Du die Dauer der Meditation um 5 Minuten erhöhen. Als Ziel kannst Du Dir eine tägliche Meditation von mindestens 20 bis 30 Minuten setzen.


Versuche nicht, bei der Meditation irgendein bestimmtes Ziel zu erreichen, zum Beispiel ein Wohlgefühl zu empfinden oder eine Eingebung zu haben. Nimm einfach nur wahr, was ist, ohne dabei etwas zu erfinden, zu interpretieren oder zu bewerten. Gönne Dir diese Zeit für Dich selbst und Deine geistige Hygiene. Du wirst mit der Zeit feststellen, dass Du dadurch im Alltag gelassener wirst und weniger herumhetzt. Dadurch dass Du Dir Zeit nimmst für dieses tägliche Ritual, wirst Du merken, dass Du mehr Zeit zur Verfügung hast, als Du immer dachtest. Denn die Meditation hilft Dir, Dich von Gedanken zu lösen, die Dir Zeit und Energie nehmen.

Mit diesen Schritten gelingt es Dir, abzubremsen und einen Unfall zu vermeiden. Du wirst ausgeglichener und erhältst wieder mehr Lebensfreude.


Als Coach unterstütze und begleite ich meine Klienten dabei, mit solchen brenzligen Situationen auf der Rennstrecke umzugehen, sei es im Beruf oder im Privatleben. Wenn Du Deine Situation mit mir anschauen möchtest, dann nimm mit mir Kontakt auf.


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